Mein systemischer Coachingansatz

Coaching ist ein sehr persönlicher, d.h. von den beteiligten Persönlichkeiten getragener, Prozess. Ob er zu dem vom Coachee gewünschten Ziel führt, hängt daher nicht alleine von technischen Fertigkeiten und Aspekten ab, sondern nicht minder – vielleicht sogar viel mehr – von der Passung der beteiligten Persönlichkeiten und ihrer Bereitschaft, sich gegenseitig aufeinander einzulassen. Die eine Coachingmethode, die quasi rezeptartig zum Ziel führt, gibt es meiner Ansicht nach nicht.

Welches Paradigma das Handeln eines Coaches bestimmt ist im Wesentlichen von seiner Weltsicht – eben seiner Sicht auf die Welt – geprägt, die wiederum das Resultat von Lebenserfahrung und der daraus gezogenen Schlüsse ist. Da ich diesen Aspekt eben für so maßgeblich halte, möchte ich ihn an dieser Stelle vergleichsweise umfangreich skizzieren. Mehr zu meinem persönlichen Werdegang finden Sie hier.

Das systemische Paradigma

Das systemische Paradigma geht von der – zunächst einmal banalen – Vorstellung aus, dass die Welt als System organisiert ist. Ein System besteht dabei aus einer Vielzahl von Elementen, die untereinander funktional verknüpft sind, d.h. sie wirken durch ihr Sein und Handeln wechselseitig aufeinander ein. Ein System ist zudem von einer Umwelt umgeben, von der es sich mehr oder weniger gut abgrenzt. Diese Umwelt kann z.B. selbst ein benachbartes System sein oder auch das betrachtete System “einhüllen”. Eine Arbeitsgruppe könnte z.B. als System betrachtet werden, das neben anderen Arbeitsgruppen existiert (nebeneinander) und Teil einer Abteilung ist (“eingehüllt”).

Warum dieser Ansatz im Coaching?

Was diesen Ansatz für das Coaching so interessant macht, sind wenigstens zwei Eigenschaften, die komplexe, dynamische Systeme (und Komplexität und Dynamik billigen wir jedem System zu, an dem Menschen und ihr Handeln beteiligt sind) auszeichnen:

Das starke Kausalitätsprinzip ist ungültig. D.h., ähnliche Anfangsbedingungen führen i.d.R. nicht zu ähnlichen, sondern können durch exponentielle Entwicklungen zu unerwartetet abweichenden Resultaten führen.

Ursache-Wirkungs-Vorstellungen, in denen es eine Ursache gibt, welche die Wirkung bestimmt, wird durch die Vorstellung von Wechselwirkung ersetzt, bei der Ursache und Wirkung nicht mehr trenn- und unterscheidbar sind.

In komplexen, dynamischen Systemen sind Wirkungen also weder linear (sondern exponentiell) noch lineal (sondern “kreisförmig”). Und das entspricht genau unserer Alltagserfahrung: Denn reflektiert man über die größeren Veränderungen im Leben, dann stellt man i.d.R. fest, dass sie nicht das Ergebnis eines linear ablaufenden Plans waren (aus A entsteht genau B), sondern, dass es häufig unerwartete, zufällige Ereigenisse waren, die den weiteren Weg bestimmt haben. Und wer kennt darüber hinaus nicht die wechselseitigen Schuldzuweisung im Streit, bei dem jeder behauptet, der andere sei schuld, sein Verhalten wäre also die Ursache und das eigene Verhalten lediglich die Reaktion darauf.

Sicht auf das eigene Leben

Der Gedanke, dass das Leben nicht linear steuerbar ist und Ursachen und Wirkungen nicht mehr trennbar und damit eindeutig auszumachen sind, kann beängstigend sein. Wo bleiben dann die Gestaltungsmöglichkeiten, die Möglichkeit, den Verlauf des eigenen Lebens zu bestimmen? Wir alle haben ein Grundbedürfnis nach Kontrolle und Ordnung und möchten Sinn im Sein, Handeln und in der Welt erleben. Daher wird es im Coaching, neben den konkreten Themen, immer auch darum gehen, eine für sich selber stimmige Haltung zum Leben zu entwickeln: Eben genau so auf die Welt zu blicken, dass das für einen selber bestmögliche (Er-)Leben möglich wird.

Körper und Geist

Ein wesentlicher Aspekt dieses systemischen Blickwinkels besteht darin, auch den Menschen als ein System aus Systemen zu verstehen. Diese Sichtweise kommt zum Ausdruck, wenn der Mensch als bio-psycho-soziales Wesen verstanden wird. Hierbei werden Körper und Geist als sich wechselseitig beeinflussende Systeme gesehen, die wiederum jedes für sich mit der sozialen Umwelt in Kontakt stehen.

Bio-psycho-soziale Wesen

Insbesondere die Betrachtung von Körper und Geist als jeweils gleichberechtigte, sich wechselseitig beeinflussende Systeme, ist für das Coaching von großem Interesse. In unserer Kultur ist es wenig verankert, dem Körper eine dem Geist gleichgestellte Bedeutung zu geben. Dieses Ungleichgewicht schimmert in unserer Sprache immer wieder durch, z.B. wenn wir davon sprechen, “unserem Körper mal etwas Gutes tun zu wollen”. Der Körper ist bei dieser Betrachtung praktisch “exterritorial”, nicht zum Ich dazugehörend. Sprechen wir von Intelligenz, so meinen wir i.d.R. unsere kognitiven Fähigkeiten, reden wir von Erinnerungen, meinen wir mentale Erinnerung. Meist soll der Körper nur “funktionieren”, im Zweifel dient er als Bühne für fragwürdige Schönheitsideale.

Neurosystemisches Körpercoaching

Im neurosystemischen Ansatz des Körpercoachings, den ich von Rolf Krizian gelernt habe, erhält der Körper einen ganz anderen Stellenwert, nämlich als System gleichberechtigt neben dem psychologischen System zu stehen. Hier wird anerkannt, dass der Körper einen eigenständigen Wissensspeicher darstellt (der insbesondere in der vorsprachlichen Phase unseres Lebens angereichert wurde), d.h. eine eigenständige Ressource und ein Feld für die Umsetzung zielgerichteter Interventionen ist.

Und tatsächlich finden wir auch das in unserer Alltagssprache wieder, z.B. wenn “uns etwas schwer im Magen liegt” oder wir auf Basis “unseres Bauchgefühls” und damit scheinbar nicht rational entscheiden (aber eben eigentlich nur “nicht kognitionsbasiert”). Der neurosystemische Ansatz hat dieses Wissen für die Nutzung im Coaching (und in der Therapie) systematisiert.

Geist und Körper

Körperbasiert zu arbeiten ist immer damit verbunden, sich langsam dem Körper anzunähern. Damit sind wenigstens zwei Dinge gemeint: Zum einen erfordert die Nutzung des biologischen Systems als Wissensressource und Interventionsplattform zunächst einen Prozess, den man als Installation eines körperbasierten Beobachters beschreiben könnte. Letztlich geht es darum, Körperzustände über die zahlreichen Rezeptoren des Körpers wahrnehmen und differenzieren zu lernen. Hierfür ist viel Achtsamkeit erforderlich. Meine Erfahrung – auch mit Sportlern – zeigt, dass diese Zugangskanäle häufig erst wieder geöffnet werden müssen. Zum anderen ist damit gemeint, dass körperbasiertes Arbeiten ungewohnt und unvertraut ist. Es erfordert ein ausreichendes Kennenlernen zwischen Coach und Coachee und wird daher auf der verbal-kognitiven Ebene, also auf vertrautem Terrain, angebahnt.

Innere Familie

Neben (anliegen-)klärenden Gesprächen stehen hierfür hilfreiche Techniken zur Verfügung, wie z.B. die Betrachtung der inneren Familie und des inneren Kindes oder die Aufstellung eines synergetischen Navigationssystems.

Grundsätzlich betrachte ich mich als ressourcenorientiert arbeitender Coach.

Körper und Körper

Ich bin der Überzeugung, dass wir unsere Möglichkeiten nicht ausschöpfen, wenn wir uns ausschließlich auf unser psychologisches System fokussieren. Systemisch gedacht, ist es ja eben nicht nur das psychologische System, welches das biologische System- also den Körper – beeinflusst. Ebenso beeinflussen Körperzustände und Körperbefinden den geistig-seelischen Zustand (eine traditionsreiche Methode dafür ist das Autogene Training). Diese Überzeugung ist ausdrücklich nicht im Sinne eines hochleistungsfähigen Körpers gemeint, der “viel schaffen” soll. Stattdessen ist ein achtsamer und wohlwollender Bezug zum Körper gemeint, also die Fähigkeit, in den Körper hineinzuspüren und diesem Teil des Selbst das zu geben, was er benötigt.

Schwimmen und Ernährung

Aus meiner Sicht befinden sich die Themen Ernährung und physische Aktivität daher in einem – sozusagen – coachingnahen Orbit. Die Vorstellung, dass wir buchstäblich aus dem bestehen, was wir an Nahrung zu uns nehmen, sollte jeden dazu anregen, über Ernährung und ihre Auswirkung auf unser Wohlbefinden zu reflektieren. Auch Sport, gerade technisch anspruchsvoller Sport, stellt eine wertvolle Kompetenzausbildung dar und verbessert die Fähigkeit, Zugang zu seinem körperlichen Ich zu finden. Schwimmen ist eine dieser Sportarten, die nicht nur eine hohe technisch-koordinative Anforderung stellt, sondern darüber hinaus in einem für die meisten unvertrauten Medium stattfindet. Dies eröffnet zusätzliche Erfahrungswelten und ermöglicht, zum Beispiel, Aspekte wie das “Loslassen” oder das “Sich-Treibenlassen” physisch erlebbar zu machen. Neben dem Coaching lehre ich Schwimmen für unterschiedlichste Ansprüche und Zielstellungen. Gerne können wir dies integrieren, mehr Infos dazu finden Sie hier.

Chaos und Ordnung

Wo ist nun der Bezug zu Hermann Hesses Stufen? Die Entwicklung komplexer dynamischer Systeme ist aufgrund ihrer komplexen Struktur und ihrer zahlreichen inneren Wechselwirkungen zwischen unzähligen Parametern bestenfalls kurzfristig konkret vorherzusagen. Es sein denn, das System reduziert die maßgeblichen Parameter durch Selbstorganisation auf ein handhabbares Maß und nimmt einen quasistationären, also zeitweise stabilen Zustand ein. Chaostheoretisch betrachtet befindet sich das System dabei in einem Attraktor – oder eben auf einer stabilen “Stufe”. Eine solche Stufe wird im Leben vielfach als erstrebenswert wahrgenommen, da sie Sicherheit und Planbarkeit ermöglicht. Zugleich können Attraktoren aber auch als sehr stabil wahrgenommen werden, sie bieten dann scheinbar “kein Entkommen”. Jeder kennt solche Attraktoren als immer wieder ablaufende Muster im eigenen Verhalten, sei es bei der (hilfreichen) morgendlichen Routine oder bei dem immer nach dem gleichen Muster ablaufenden (selten hilfreichen) Streit mit der/m Partner/in. Auch eine (über-)stabile Arbeitssituation kann aus einer Perspektive ein Sicherheitsgefühl, aus einer anderen Perspektive jedoch auch ein Gefühl von Stagnation und Einengung vermitteln. Sich von solchen, als dysfunktonial erlebten, Routinen und Mustern zu befreien, ist ein Prozess, der durch Coaching begleitet werden kann.

Gelangt man andererseits ungewollt durch äußere Einflüsse oder durch innere Perspektivwechsel aus einem Attraktor heraus in chaotisch empfundene Zustände, dann gilt es, in einen neuen stabilen Zustand, einen neuen Attraktor zu gelangen. Eben eine neue Stufe der Selbstentwicklung zu erklimmen. Solche Schritte lassen sich nicht linear planen, es gibt meines Erachtens kein Rezept dafür. Aber man kann einen Schritt zurücktreten, neue Blickwinkel auf seine eigenen Ressourcen, Fähigkeiten und Bedürfnisse erproben und daraus neue Lebensstrategien entwickeln. Auch hierbei kann die Begleitung durch einen Coach hilfreich sein.